Home Sitemap Kontakt Impressum
Suche    
Montag  • 18. Dezember, 2017            
                 

  • Wir über uns
  • Das bieten wir
  • Landesvorstand
  • Kreisverbände
  • Archiv
  • Termine
  • Links
  • VBE-Medien
  • Junge Lehrkräfte
  • StudentInnen

Jetzt Mitglied werden

Interner Bereich
   
 










Ist Kinderland in Deutschland abgebrannt?

?Humankapital? - Unwort des Jahres 2004

Das Gejammer auf politischer Seite wegen des geringen Kindersegens in Deutschland verstärkt sich. Offensichtlich sind junge Frauen nicht mehr bereit, das dringend benötigte ?Humankapital? in statistisch erwünschter Anzahl hervorzubringen.
Zeitgleich wird ein altes Thema in die politische Debatte zurückgeholt: Experten für Bildung sehen einen dringenden Bedarf für Tagesbetreuung kleiner Kinder und kleinster Kinder, für Ganztagsschulen oder ganztägige öffentliche Betreuung, für Akademisierung von Kindergärtnerinnen usw. In dieser Diskussion wird bewusst (?) zu kurz gesprungen. Sollte im Mittelpunkt etwa ?PISA? stehen und das wirtschaftlich benötigte ?Humankapital? (sagen wir künftig doch lieber Humanressource) und nicht etwa das Kind?
Mütter mit Säuglingen und Kleinkindern werden gleichzeitig aus ökonomischen Gründen in die ?Vollzeitarbeit? gezwungen. Sonst sind sie ?weg vom Fenster?. Neben der bekannten Tendenz zur vaterlosen Kindheit verstärken sich die Tendenzen einer mutterlosen Kindheit. Junge Frauen aber wollen kein ?Humankapital? hervorbringen, sondern wollen mit ihren Kindern leben können. Da sie gleichzeitig Interesse an eigenständiger ökonomischer Absicherung und individualisierender Berufstätigkeit haben, korrigieren sie ihren Kinderwunsch nach unten oder werden gar nicht erst Mutter. Im Wettbewerb des Berufslebens stellt sich die zeitintensive Fürsorge für Kinder als Nachteil dar: Kinder sind ökonomisch betrachtet ein ?Schaden?. Warum?
Private Kindererziehung ist keine ?Arbeit?, die erbrachten Versorgungs-, Erziehungs- und Betreuungsleitungen gehen nicht in den sogenannten ?Generationenvertrag? ein. Die Hervorbringung des zukünftigen ?Humankapitals?, bringt kein ?Kapital?, im Gegenteil die Gründung einer Familie ist das größte Armutsrisiko, besonders für Mütter. Dennoch: ?Dem Interesse der Frauen an eigenständiger ökonomischer Absicherung und dem Sich-Einlassen auf individualisierende Berufstätigkeit steht aber nach wie vor das Interesse an Partnerschaft und Mutterschaft gegenüber, und zwar auch und gerade bei denjenigen Frauen, die wissen, was dies für ihre Berufschancen heißt und ihre ökonomische Abhängigkeit vom Ehemann?, meint Beck.
Auf der anderen Seite verstärken Forschungsergebnisse zur Gehirnentwicklung Bedenken von Kinderärzten und Kinderpsychiatern, sehr kleine Kinder durch andere, wechselnde Bezugspersonen betreuen zu lassen (Bowlby 1969, Grossmann et. al 1985, Bronfenbrenner, 1986). Pflege und Erziehung sind in unserer Verfassung nicht von ungefähr wichtigste und persönliche Aufgabe der Eltern. Durch die Geburt eines Kindes wird aus dem Paar eine Familie. Hier, und zwar nur in individueller und persönlicher Form, werden Beziehungen aufgebaut, die Stabilität aufweisen. Nur auf einer sicheren Basis gelingen Ablösung und Autonomie für das Kind (Papou?ek 1994). Die langfristige Perspektive von Verlässlichkeit und Vorbildhaftigkeit bildet die Grundlage für optimale Entwicklungschancen.
Die enorme Verkürzung der Lebensarbeitszeit (= anerkannte Erwerbsarbeitszeit) auf die Jahre zwischen ca. 20 und 60 bedeutet für das Modell des gemeinsamen ökonomisch/familiären Lasttragens von Mann und Frau, dass die für die Familie zur Verfügung stehende Zeit verknappt wird. Es ist hauptsächlich die Zeitspanne, in der Kinder geboren und aufgezogen werden. Die schwedische Reformpädagogin Ellen Key schrieb schon 1904: ?Dies ist, dass Zeit, mehr Zeit und noch mehr Zeit eine Bedingung der Erziehung ist, Ruhe die zweite. (...) Es gibt - was die Eltern noch allzu leicht vergessen - kein Gebiet, wo der rechte Augenblick bedeutungsvoller ist als bei der Erziehung. Die Handlung, die die Mutter am Morgen sah, darf sie erst abends am Bettchen des Kindes zur Sprache bringen; das Geständnis, das im richtigen Augenblick über die Lippen des Kindes gestürzt wäre, erhält der Vater nie, weil der Moment nicht benutzt wurde (...)?.
Sollen wir uns die Kinder als Manövriermasse vorstellen, im Morgengrauen aus den Betten in Verwahranstalten geschleppt, am späten Nachmittag von abgehetzten Müttern oder Vätern abgeholt und zunächst in die Einkaufswagen von Supermärkten verfrachtet - überall im Weg, vor dem Computer oder Fernseher abgeladen, damit Ruhe ist?
Key sah in der öffentlichen Erziehung keine wirkliche Lösung. Es störte sie die Massenerziehung, die die Individualität der Kinder unterdrücke. 1902 schrieb sie:
?Der Kindergarten ist nur eine Fabrik, und dass die Kinder dort ,modellieren? lernen anstatt nach eigenem Geschmack ihre Lehmkuchen zu bilden, ist typisch für das, was das kleine Menschenmaterial selbst durchmacht? (Das Jahrhundert des Kindes).
Vom Erdgeschoss würde das Menschenmaterial dann in das nächste Stockwerk, die Schule geschickt, wo man sie weiter drechsele. Das Ergebnis sei Dutzendware, sei Masse, die kollektiven Pflichtbegriffen folge. Schlimmer noch; der Kameraden- und Korpsgeist, dem sie in Deutschland ausgesetzt wären, forme sie zu manipulierbaren Massenmenschen, die später einem Führer aus anerzogener Gewohnheit folgen würden (ebd.!).
Sie beklagte den starken Meinungsdruck, den die ?Herde? ausübe: ?(...) die Furcht vor der ,allgemeinen Meinung?, vor der Lächerlichkeit, zu der der Grund schon in den für solche Einflüsse so ungeheuer empfänglichen Kindheitsjahren gelegt wird. Die geringste kleine Abweichung in der Kleidung, im Geschmack wird schonungslos kritisiert.? (ebd.)

Key beklagte auch die soziale Abwertung, die mütterliche Erziehungstätigkeit ? leider bis heute - erfährt. Man sehe auf die Tätigkeit des Kindererziehens herab, als sei dieses Tun nicht viel mehr als ?die Pflichtensphäre des Tierweibchens?. Das hielt sie für kurzsichtig und damit zukunftsblind.
Alles hat daher gar nichts mit der Romantisierung von Familie zu tun, sondern damit, dass das moderne Bild der bindungslosen mobilen Profession keine tragfähige Lebensperspektive für die Zukunft darstellt. Bisher hindern wirtschaftliche und politische Regulationsmechanismen Eltern daran, Lebensmodelle zu entwickeln, die eine sinnvolle Verteilung unterschiedlicher Anforderungen für generative Nachhaltigkeit ermöglichen. Die ?auf eigene Karriere verzichtenden? Partner (oft die Mütter) bemessen den Wert ihrer Kinder für ihr Leben zum Glück nicht nur nach Opportunität . Sie sehen darin vor allem eine individuelle persönliche Befriedigung und einen Teil ihres Lebenssinnes. Sie vermitteln ihren Kindern damit jenes Selbstvertrauen, das als Urvertrauen die Basis für die Achtung vor anderen darstellt. Denn nur wer gelernt hat, dass er unbedingt geachtet wird und auf dieser Basis Selbstachtung entwickelt, kann auch andere wie sich selbst achten. Aber nicht nur die Entwicklung der Selbstachtung ist wichtig: Kinder lernen in familiärer Interaktion auch, dass Bindungen immer auch durch Kooperation und Solidarität mit den jeweils Schwächeren gekennzeichnet sind. Von jungen Eltern wird ein gemeinsames Leben mit Kindern gewünscht, eine Vorstellung, die sich gegenwärtig noch an der Realität bricht: Nur derjenige wird als gesellschaftlich wertvoll angesehen, der bereit ist, heute in Singapur, morgen in Tokio und übermorgen in Hamburg zu arbeiten, und zwar am liebsten von 7 Uhr bis 20 Uhr und am Wochenende. Flexibilität ist das Stichwort! In zunehmendem Maße lassen sich die Arbeitszeiten von Vater und Mutter nicht koordinieren, Freizeit selbst am Wochenende (!) nicht mehr synchronisieren - mit der Konsequenz, dass die Kinder überhaupt nichts mehr von ihren Eltern haben und persönliche Bindungen auf der Strecke bleiben.
Vor diesen ?Nebenfolgen? warnen nicht die Anhänger gefühlsbetonter Mütter- oder Familienideologien, sondern Wissenschaftler: Ärzte, Genetiker, klinische Psychotherapeuten, Biochemiker. ?Ab in die Krippe, den Hort oder die Ganztagsbetreuung? ist aus kinderökologischer Sicht leider nicht das Ei des Kolumbus.
Was bedeutet das für das zukunftsfähige Aufwachsen von Kindern?
In allen Politikbereichen, in Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Arbeitsmarktpolitik und nicht zuletzt in Verbandspolitik ist sicherzustellen, dass überlebte Leitbilder (der flexible Mensch) vor allem zugunsten der Kinder in Frage gestellt werden. Kinder sind sonst die Verlierer in diesem Kampf.
Das alte Leitbild vom Mann, der ?Familie hat? und von der Frau, die für die Familie lebt, ist übrigens nach wie vor das leicht retuschierte Leitbild des althergebrachten Berufsbeamtentums undgilt auch im Bildungsbereich. Die Karrieremuster von z.B. ?Funktionsstellen? sind darauf ausgerichtet, dass man zeitlich fast ununterbrochen zur Verfügung steht. Auch hier gilt ? leider mit zunehmender Tendenz: Der einzelne ist unbelastet von Familienpflichten wettbewerbsfähiger. Wenn Aus-, Weiter- und Fortbildung neben der normalen beruflichen Belastung ? die ja nicht gering ist ? jetzt auch an Nachmittagen und Abenden, ja auch an Wochenenden verlangt werden, dann ist das für junge Eltern kaum zu leisten. Die alte Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter geht über die eigene Befindlichkeit als Frau und Mann hinaus: Es geht um die Frage der Chancengleichheit für Personen, die Elternverantwortung übernommen haben oder übernehmen möchten ? für ein Kind (oder gar für mehrere? ? da siehe du zu!).
Ein zukunftsfähiges Modell der gemeinsamen familiären Gestaltung in der elterlichen Partnerschaft (beide haben auch Zeit für ihre Kinder) bleibt utopisch, wenn man die Lösung nur in der ?Befreiung vom Kind? durch öffentliche Erziehung sieht. Einer Ergänzung soll hier nicht das Wort geredet werden.
Die Wahl von ?Humankapital? zum ?Unwort? heißt auch: Die ökonomische Perspektive darf nicht die Perspektive der staatlichen Ordnung sein. Besonders Arbeitgeber des öffentlichen Dienstes haben Vorbildfunktion und sollten Vorreiter gesellschaftlich demokratischen Wandels sein (Wingen 1988, 1995). Sie sollten durch politisch vernünftige Rahmenbedingungen das Leitbild der Partnerschaft zwischen Mann und Frau honorieren und gemeinsames familiäres Leben mit Kindern ermöglichen.
Dr. phil. Margrit Hansen



                 

  Aktuelle Termine


Mehr Gerechtigkeit
wa(a)gen.


  Tarifrecht (Infoschreiben)
  Dienstrecht
  Schulrecht
  VBE Partner
  Besoldung
  • Besoldungstabellen
  • Vergütungstabelle
  • Besoldungsvergleich
  • Pension





© 2002-2017 VBE SH e.V.